Freie Erzählung von Michael Toson

(angelehnt an die Entstehungsgeschichte der Wallfahrtkirche Christkindl bei Steyr)

Illustrationen von Justine Stelzl

 

 

Ich erzähle euch eine Geschichte, die anfängt wie viele Geschichten anfangen, nämlich mit „Es war einmal …“

Es war einmal vor vielen, vielen Jahren, als die Leute noch mit Pferdekutschen fuhren und die Häuser noch mit offenen Feuern beheizt und mit Fackeln beleuchtet wurden.

Und da damals die Häuser sehr häufig aus Holz gebaut waren, kam es öfters zu einem Brand, der einen ganzen Stadtteil gefährden konnte.

 

Deshalb gab es damals in den Städten Nachtwächter, die von einem hohen Turm aus die ganze Zeit die Stadt beobachteten und sofort Alarm geben mussten, wenn irgendwo ein Brand ausgebrochen war.

Dazu blies der Nachtwächter meist eine Trompete, weil man diese vom Turm, aus ganz weit hören konnte.

 

In dieser Zeit lebte einst in einer Stadt so ein Nachtwächter, der sehr, sehr krank war.

Er hatte immer wieder starke krampfhafte Anfälle, von denen er sich nur sehr schwer erholen konnte.

Damals gab es noch keine Spitäler und niemand konnte ihm helfen, keine Kräuterfrau und auch kein Arzt.

Da erfuhr der Nachtwächter, dass es schon öfters zu verschiedenen Heilungen gekommen sein sollte, wenn die kranke Person regelmäßig und andächtig zu einer Christusstatue gebetet hatte.

Das wollte er auch versuchen, denn das Leben mit seiner Krankheit wurde immer schlimmer und unerträglicher.

 

Der Nachtwächter ging zum Kloster, das sich in seiner Stadt befand, und bat dort eine Nonne, ihm eine Christusstatue für sein Vorhaben zu überlassen.

Da die Nonne aber keine Statue so einfach hergeben konnte und ihr der Mann Leid tat, gab sie ihm aus einer Weihnachtskrippe eine kleine Christkindfigur, die sie selbst aus Wachs gemacht hatte.

Der Nachtwächter nahm die Christkindfigur voll Dankbarkeit an sich und ging damit in einen Wald am Rande der Stadt.

 

In einen Fichtenbaum, der ihm geeignet schien, machte er eine kleine Aushöhlung in den Stamm, in der er seine Christkindfigur stellen konnte, damit sie vor Wind und Wetter geschützt war.

 

Als er sein „Christkindl“ in die Aushöhlung gestellt hatte, kniete er davor nieder und begann zu beten.

Immer wieder, wenn es ihm seine Nachtwächterarbeit erlaubte, ging er in den Wald zu seinem Fichtenbaum mit dem Christkindl, um zu beten.

Er betete oft stundenlang.

Nach einigen Monaten fühlte er sich schon viel besser. Die krampfhaften Anfälle wurden immer schwächer und schwächer, bis sie ganz ausblieben.

Der Nachtwächter war überglücklich, denn er war von seiner schweren Krankheit geheilt.

 

Er wollte diese wundersame Heilung für sich behalten, denn er befürchtete, die Leute würden ihm keinen Glauben schenken.

Doch viele Menschen aus der Umgebung erfuhren dennoch vom Schicksal des Nachtwächters und von dem Christkindl im Fichtenstamm.

Bald darauf gingen immer mehr und mehr Leute in den Wald am Rande der Stadt, zu diesem Fichtenbaum mit dem Christkindl. Sie brachten ihre Sorgen und Ängste mit und beteten zu dem Christkindl.

Und immer wieder hörte man von größeren und kleineren Wundern, die sich ereignet haben sollten.

 

Dieser Platz war bald so bekannt, sodass die Leute, die dort in der Nähe wohnten, um diesen Fichtenstamm mit dem Christkindl eine Kapelle errichteten …

 

… und etwas später sogar eine kleine Kirche bauten, in der man das Christkindl mit seinem „Christbaum“ noch heute sehen kann.

 

Vielleicht ist das auch mit ein Grund, warum zur Weihnachtszeit in vielen Häusern nicht nur eine Weihnachtskrippe aufgestellt wird, sondern auch ein wunderschön geschmückter Christbaum, der meist eine Fichte oder eine Tanne ist, mit einer darunter stehenden Krippe, in dem das Christkindl liegt, zu dem auch heute noch gebetet wird.

In diesem Sinne wünsche ich euch immer wieder eine schöne und besinnliche Weihnachtszeit. Und wenn ihr auch einen Christbaum zuhause habt dann denkt einmal kurz an den schwerkranken Nachtwächter aus dieser Geschichte und an sein Christkindl im Fichtenstamm.

 

Ein Video dieser Geschichte ist auf folgendem Link zu sehen:

 

//youtu.be/MSk1rN74Zwc